freimaurerische Sehnsucht

300 Jahre Freimaurerei
13. November 2017

freimaurerische Sehnsucht

»Ich habe Sehnsucht nach einer poetischen Freimaurerei. Weil es einfacher ist, darüber einen Zugang zu finden, als vermeintlich historisch gesicherte »Tatsachen« anzuführen, die der Beweisführung nicht standhalten, die Anekdoten und daraus hergeleitete Vorurteile nicht entkräften, die Verständnis schaffen, aber nicht unbedingt einen emotional notwendigen Zugang. Ich habe Sehnsucht nach einer Tempelarbeit ohne Worte, getragen nur von Musik, die auf andere Weise als ein mystischer Ritualtext berühren kann.

Ist es vermessen, über Gefühle zu reden? Ist es hochnäsig? Es ist nicht jedem gegeben. Ich habe die Sehnsucht nach dieser Leichtigkeit, von der mir ein Bruder erzählte, »auf der Sonnenseite zu stehen«. Der Kosmos der Freimaurerei ist nicht in einem Leben zu greifen, so sehr wir uns auch anstrengen mögen. Er weist uns auf Schatten- wie Sonnenseiten – in uns, um uns – hin, die es zu reflektieren gilt, wenn wir den Auftrag zur Selbsterkenntnis ernst nehmen. Die Menschen sehnen sich nach Gemeinschaft und Vertrautheit, unabhängig von der Frage, wie weit sie sich tatsächlich öffnen können. Allein schon das Zuhören, das uns als Brüder vermittelt wird, kann einen weiter bringen, das stille Hinterfragen fördern. Wir sind keine Glück­sucher, wir sind Sehnsüchtige. Wir können nicht klären, ob Franz Kafka zuweilen glücklich war, wir können nicht verhindern, dass wir noch absehbar nicht die Bedeutung erlangen, die uns noch vor 100 Jahren als Freimaurer vergönnt war. Wäre Kafka ein guter Freimaurer geworden? Er ist jedenfalls in die Düsternis hinabgestiegen und hat große Literatur hinterlassen. Nicht jeder vermag sein Reich zu vermessen, seinen teilweise makabren Gedankenspielen folgen. Er war zweifelsohne ein Suchender.

Freimaurerei ist nicht schmerzfrei, sie fordert heraus, die Diskontinuitäten anerzogener oder selbst auferlegter Lehren (z.B. zur Regularität) zu hinterfragen, das eigene Selbstverständlichkeit, die wackligen Überzeugungen. Wir pflegen durchaus die Debatte. Jedesmal bin ich erneut überrascht über Äußerungen einzelner Brüder, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie diesen Gedanken oder Gefühlen zugeneigt sind. Das hat nichts mit arroganter Geringschätzung zu tun, sondern mit eigener, unvollständiger Wahrnehmung und der Sehnsucht, in Gesprächen dem Kosmos der Brüder näher zu kommen, um den der eigene nur kreisen kann. Einzig behaupten dürfen wir: Freimaurerei wirkt. Sie wirkt tief in uns, genährt durch ein wachsendes Ritualverständnis, genährt durch brüderliche Auseinandersetzung, die die einsamen, auch schmerzlichen Stunden des Nachdenkens oder Nichtdenkenkönnens oder -wollens überwinden hilft. Aber die größte Sehnsucht bleibt die der Gemeinsamkeit, die eben nur drei Buchstaben mehr besitzt als die Einsamkeit, die Teil eines Weges ist…«

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